Sterngeflüster

Das hier ist eine Geschichte, die gemeinsam in Zusammenarbeit mit anderen Autoren und Autorinnen im Rahmen eines Projekts mit dem Bundesamt für Bildung und Forschung entstanden ist. Leider wurde sie nach dem letzten Regierungswechsel nicht wie geplant veröffentlicht. An der Ideengebung dieser Geschichte sind neben Michelle Stern Theresa Hannig und Uwe Post beteiligt.

Kernidee des Szenarios

Leben ist keine Selbstverständlichkeit.

Wir, Thersa Hannig, Uwe Post und Stefanie Jahnke, sind uns einig: die viel zu langsame Reaktion von Wirtschaft und Politik auf die Klimakrise ist die größte Tragödie unserer Zeit!

Aber es hilft nicht in eine Schockstarre zu verfallen oder in ihr zu bleiben. Aufgeben ist keine Option. Wir müssen jetzt neue Ideen und Konzepte für die Zukunft schaffen und uns der Verantwortung stellen.

Deshalb haben wir beschlossen, das Szenario »Klimakatastrophe« nicht als Dystopie, sondern als Utopie zu schreiben – und zwar in dem Sinn, dass eine Utopie »den bestmöglichen Verlauf unter widrigen Umständen« bezeichnet.

Hier ein paar Schlaglichter der aktuellen Situation, um den »bestmöglichen Verlauf« in der Zukunft einordnen zu können. Jeder genutzte Liter Benzin macht laut Klimamodellierer Prof. Dr. Andreas Oschlies dreißig Kubikmeter Wasser für Fische wegen der Versauerung der Meere für Jahrhunderte unbewohnbar.

»Bestmöglich« bedeutet also Todeszonen im Wasser und an Land. Wir gehen von einer minimalen Todeszone am Äquator aus und einer drastischen Erweiterung von Wüsten. Auch in Europa wird es deutlich weniger Nutzland geben; ein Trend, der bereits eingesetzt hat.

Bestmöglich heißt, dass es ein Artensterben geben wird, das die Menschheit samt dem damit verbundenem Ökozid überleben kann. Es bedeutet, dass viele Menschen durch Klimawandel verursachte Umweltkatastrophen wie Starkregen, Stürme, Feuer, Überschwemmungen, Ernteausfälle, Wasserknappheit und Luftverschmutzung sterben werden.

Bereits am 20. Juni 2020 waren es in Sibirien in der Polregion Jet-Stream-bedingt 38 Grad. Es ist absehbar, dass vermehrt Methan durch abtauende Permafrostböden austritt, was zu einem weiteren Temperaturanstieg führt.

Um zu verdeutlichen, wo die eingangs erwähnte Selbstverständlichkeit von menschlichem Leben endet: kein Fieberthermometer geht über 42 Grad. Das liegt nicht daran, dass 42 laut Douglas Adams die Antwort auf alle Fragen ist, sondern hat den Grund, dass wir bei toten Menschen kein Fieber messen.

Wir kennen das vom Frühstücksei: Ist das Ei hart, bekommen wir es nicht mehr weich. Wenn sich das Gehirn über 42 Grad erwärmt, war es das.

Im Jahr 2021 gingen laut dem damaligen Bundestagsabgeordneten Marco Bülow rund 50 Milliarden deutscher Steuergelder in umweltschädliche Investitionen. Um eine lebenswerte Zukunft zu bekommen, müsste sich das entsprechend ändern und nicht gegen, sondern in eine nachhaltige Zukunft investiert werden.

In unserem Szenario wird schnell gehandelt. Trotz Widrigkeiten und Rückschlägen gelingt die internationale Zusammenarbeit, um den beständigen Temperaturanstieg und das damit verbundene immer extremer werdende Wetter zu begrenzen.

2070 liegen die weltweiten Emissionswerte endgültig bei Null. Sämtliche Staaten haben die Energieversorgung sukzessive auf erneuerbare Technologien umgestellt und CO2-Speicher wie Wälder und Moore ausgebaut.

Weltweit haben sogenannte Klimaalgen maßgeblich zur Stabilisierung der Meere beigetragen. Internationale Imagekampagnen und Werteschulungen haben die Menschen dazu gebracht, ihren privaten Konsum und ihre Freizeitgestaltung an klimafreundlichen Produkten zu orientieren.

In Deutschland ist es der Bundesregierung gelungen, Verwaltungshürden abzubauen und durch Offenheit und Transparenz den Zwängen der Lobbyverbände wie etwa der Autoindustrie zu entkommen. Der Rat aus wissenschaftlichen Experten und Expertinnen, der schon seit Jahren eine Form von starker CO2-Besteuerung mit gleichzeitiger Entlastung von einkommensschwachen Bürgern und Bürgerinnen als sinnvollen Schutz des Allgemeinguts vorschlägt, wird mit einem Vetorecht für klimaschädliche Gesetze ausgestattet. Ein umfangreiches Investitionsprogramm für klimafreundliche Innovation setzt den Startpunkt für ein grünes Wirtschaftswunder.

Die Tragödie der Allmende ist durch den Mikrobiologen und Ökologen Garret Hardin seit 1968 bekannt. In der folgenden Utopie nehmen die Staaten und Regierungen ihre Aufgabe ernst, das Allgemeingut und auch das Allgemeinwohl zu schützen und zu fördern.

Im Jahr des sogenannten »Umkehrpunkts« 2070 wird weltweit gefeiert. Auch in Deutschland gibt es zahlreiche Veranstaltungen, darunter eine Auktion in Berlin, auf der Klima-Kuriositäten angeboten werden.

Die folgende Kurzgeschichte hat zusammen mit dieser Einführung drei Anliegen:

1. Das Thema Klimakatastrophe samt dem dazugehörigen Handeln in der Komplexität als Phänomen begreiflicher zu machen.

2. Das Interesse zur Auseinandersetzung mit diesem sperrigen aber extrem wichtigen Thema zu fördern.

3. Die Akzeptanz für eine verantwortungsbewusste CO2- und Gas-Einpreisung zu erhöhen.

Aufgrund dieser Agenda und der umfangreichen vorhandenen Datenlage passt möglicherweise der Begriff »Science Faction« für die entstandene Geschichte besser als Science Fiction.

Auktion am Umkehrpunkt

Yanni setzt sich neben Mariyam in den roten Sitz. Er kann es kaum erwarten, dass der eigentliche Höhepunkt des Festakts zum Erreichen des Umkehrpunkts beginnt: die Versteigerung!

Doch bis dahin muss er den offiziellen Teil über sich ergehen lassen.

Auf die Bühne tritt Cansu Schmidt, die Bürgermeisterin von Berlin. »Ich freue mich, euch alle im Friedrichstadt-Palast begrüßen zu dürfen! Noch mehr freue ich mich, dass zu diesem besonderen Anlass eine ganz besondere Frau da ist, die in der Klimakrise Großartiges geleistet hat. Begrüßt mit mir die ehemalige Bundespräsidentin Luisa Neubauer!«

Unter dem Applaus der Menge tritt eine Dame auf die Bühne, die deutlich jünger aussieht als 74, und geht zielstrebig auf das Rednerpult zu. Sie schaut in die vollen Ränge, und Yanni hat das Gefühl, dass sie ihn sieht. Als sie zu sprechen beginnt, ist es still.

»1,5 Grad, so wurde es damals in Paris beschlossen, vor fünfundfünfzig Jahren. Was viele in jenen Jahren nicht verstanden haben, ist die Tatsache, dass keiner der damals Anwesenden auf der Konferenz an die 1,5 Grad geglaubt hat. Die 1,5 Grad waren ein Zugeständnis an die Inselstaaten, deren Länder am meisten bedroht waren. Es war das Versprechen, sie in der Katastrophe nicht allein zu lassen. Alle, die in Paris zusammensaßen, gingen von mindestens zwei Grad aus, wenn nicht deutlich mehr.

Wenn wir zurückblicken, auf die letzten fünfzig Jahre, können wir sagen: Zum Glück haben sich die Teilnehmer und Teilnehmerinnen damals geirrt. Wir sind auf 1,8 Grad gekommen und haben nun den Punkt erreicht, an dem die Temperatur weltweit endgültig nicht weiter steigen wird!«

Applaus bricht im Saal aus. Einige stehen auf, andere stampfen mit den Füßen auf den Boden, darunter eine ganze Menge sehr alter Menschen, deren Augen jung geblieben sind.

»Aber blicken wir zurück auf Deutschland. Was war es, das uns das Klimawunder 2040 beschert hat? Wie genau haben wir es eigentlich geschafft, die Industrie zu stärken und gleichzeitig diese großartige Leistung zu vollbringen?

Die Antwort darauf ist keine eindeutige. Überhaupt sollten wir uns hüten, vor einfachen Antworten. Dennoch will ich Ansätze liefern.

Es sah schlecht aus für Deutschland. Wir waren abgehängt von anderen europäischen Staaten, festgefahren im Lobbyismus, in der Bürokratie, aber auch in den Beharrungskräften der Menschen, die lieber ein schickes Auto fahren und einen Apfel aus Südamerika kaufen wollten, als in ein »hässliches« E-Auto einzusteigen, langsamer zu fahren oder den heimischen Handel zu unterstützen. Kaum einer wollte ein Windrad oder eine Stromtrasse in der Nähe ertragen. Deutschland hatte in den bequemen, kriegsfreien Jahren der amerikanischen Abhängigkeit verlernt, was Pflicht bedeutet, und dass es in einem Wohlfahrtsstaat, der das Allgemeingut schätzen und schützen sollte, darum geht, zusammen etwas zu tun, manchmal auch dann, wenn es schmerzt. Früher habe ich gesagt, jeder hilft beim Tischdecken, dann ist der Tisch gedeckt. Das ist ganz normal.

Wie konnte es gelingen, den Tisch zu decken für die Wende im deutschen Verhalten, die letztlich die große Wende in der Welt massiv beeinflusst hat? Als die positive Rückkopplungsschleife erst einmal angelaufen war, begannen selbst eingefahrene Denker und Denkerinnen zu begreifen, dass es in unserer Welt mehr gibt als lineare Prozesse.

Überhaupt glaube ich, dass wir den deutschen Umschwung vor allem einer Erkenntnis zu verdanken haben, die wir gern vergessen. Wir sprechen viel über Hydroxyl-Radikale, aus der Luft herausgezogenes CO2, renaturierte Moore, Ausgleichszahlungen, CO2-Einpreisung, FFF-Demonstrationen, Luxussteuer, genetisch veränderte Algen und zahllose technische Errungenschaften. Doch das ist nur eine Seite der Medaille.

Die andere Seite ist die Erkenntnis, wie wir denken. Das Wissen darum, dass wir fehlerhaft sind und uns jede Menge falscher Vorstellungen beherrschen, die uns davon abhalten, das Notwendige zu tun. Heute lebt das jedes Kind. Eine Politikerin, die sich irrt, sagt das, ohne deshalb als unglaubwürdig zu gelten. Ein Bürger, der begreift, dass er sich verrannt hat, muss sich nicht schämen. Unsere Gesellschaft ist toleranter geworden, ohne dabei ihre humane, lebensbejahende Haltung aufzugeben. Wir haben gelernt, miteinander besser umzugehen, indem wir die kleinste gemeinsame Wirklichkeit suchen, ohne uns von der Wirklichkeit zu befreien. Wir alle machen Denkfehler. Keiner ist besser als der oder die andere.

Was also hat uns an der Basis geholfen, diese vielleicht größte Krise der Menschheit gemeinsam zu bewältigen? Ehrlichkeit. Vor allem uns selbst gegenüber.

Es waren Menschen wie der Nobelpreisträger Daniel Kahneman, die vorangeschritten sind, um zu erleuchten, was so lange im Dunkeln lag: ›Wir können gegenüber dem Offensichtlichen blind sein, und wir sind darüber hinaus blind für unsere Blindheit.‹ Oder, um es ein wenig flapsig zu sagen: Wir alle sind gleichermaßen intelligent. Und gleichermaßen unzurechnungsfähig.«

Gelächter bricht im Saal aus.

»Der offene, wissenschaftliche Geist irrt sich nach vorne und wächst mit jeder neuen Erkenntnis. Inzwischen ist uns klar, dass wir uns gern Geschichten erzählen, um nicht zum Kern einer Sache vorstoßen zu müssen: der Frage nach Leben und Tod. Wenn ich euch eine ganz simple Frage gestellt hätte, im Jahr 2021, ihr hättet sie befremdlich gefunden und sie hätte euch womöglich trotz ihrer Logik zu weit geführt. Es ist die Frage: Was willst du in diesem Jahr lieber machen? Möchtest du mithelfen Millionen Menschen durch das Verbrennen und Freisetzen von fossilem Öl und Gas zu töten, oder willst du mithelfen Millionen Menschen das Leben zu retten?

Heute sehen wir die Millionen Toten und die vielen Milliarden Tiere, wenn wir uns umdrehen. Doch im nach Vorne schauen, waren viele unehrlich.

Wer damals nichts tat, war ein vier Grad Aktivist, und es gab weit mehr vier Grad als zwei Grad Aktivisten. Doch nach und nach ist dieses Verhältnis gekippt, wie beim Vorgang des abtauenden Eisschilds am Pol. Es geschah tröpfchenweise, quälend langsam, aber es geschah! Immer mehr Menschen wachten auf, befassten sich mit dem Thema, sahen sich Videos und Fernsehsendungen an und vor allem: Sie erkannten ihre Macht, verstanden, dass sie ein Teil des Problems waren, und fragten sich: Was kann ich tun? Und die, die schon viel getan hatten, fragten sich: Was kann ich noch tun? Sie handelten nach Büchern wie dem von Frank Schätzing ›Was, wenn wir einfach die Welt retten?‹. Sie motivierten andere stark zu sein, sich den Herausforderungen zu stellen und ihnen zu zeigen: Du bist nicht allein!

Es gab kein Verstecken mehr hinter Ausreden. Kein Hin- und Herschieben der Verantwortung zwischen Politik, Wirtschaft und den Bürgerinnen und Bürgern.

Die eigene Verantwortung wahrzunehmen, auch wenn andere es nicht tun, war plötzlich kein gefühlter Widerspruch mehr. Es war die neue Akzeptanz, ja, vielleicht sogar die neue Realität, dass andere sich irren dürfen und ich #trotzdem# das Notwendige tun und Konsequenzen einfordern kann, ohne auf die anderen herabzusehen.

Die Menschen haben etwas sehr Wichtiges erkannt: Ich kann sehr wohl Fahrrad statt Auto fahren, die Bahn nehmen; mir, wenn es nicht anders geht, ein Elektroauto kaufen, mein Haus dämmen und eine Wärmepumpe einbauen. Und vor allem kann ich mich davon befreien, Parteien zu wählen, die das Allgemeingut und damit unsere Existenzgrundlage ausverkaufen, indem sie Kompromisse von Kompromissen von Kompromissen machen und die Lügen in ihre Programme schreiben.

Die Natur lässt nicht mit sich verhandeln. Eine Partei, die das ignoriert, ist wirklichkeitsbefreit und kann keine lebenswerte Zukunft schaffen.

Ich muss keinen Lobbyismus unterstützen, der den Ausbau von erneuerbaren Energien und das Schaffen einer vernünftigen Speicherstruktur durch Investition verhindert. Ich habe das Recht zu erfahren, was mit meinem Steuergeld gemacht wird, wer welche Gesetze formuliert und verabschiedet, und ich darf diejenigen zur Verantwortung ziehen, die das Allgemeinwohl und das Allgemeingut verantwortungslos auf dem Silbertablett servieren, während sie selbst sich mit Aufsichts- und Beratertätigkeiten bereichern.

Endlich wurde Klartext geredet und Haltung gezeigt, damit Spielregeln sinnvoll geändert werden konnten.

Wir haben das erkannt, was Tatsache ist: Dass wir eine Welt sind, dass jeder und jede gleich verantwortlich ist und dass es sich lohnt, seinen Solo-Hintern von der Couch zu schwingen und gemeinsam den Tisch zu decken!«

Applaus brandet auf. Als er abklingt, lächelt die ehemalige Bundespräsidentin schelmisch. »Und da wir gerade vom Tischdecken reden … Ich eröffne hiermit das Büfett und freue mich auf die daran anschließende Versteigerung!«

Jetzt dauert es nur noch eine Sunde, bist es soweit ist.

Später werden sie noch zum Brandenburger Tor gehen und Blumen niederlegen für die unzähligen alten Menschen, die in den heißen Extremsommern den Hitzetod gestorben sind.

Auch Yannis Oma ist es so ergangen. Sie hätte zwanzig oder sogar dreißig Jahre mehr haben können.

Unten auf der Bühne bauen sie für die Auktion um.

»Bald ist es soweit!«, sagt Yanni. »Dann bringen sie Kim! Das Ursprungsplasma der ersten erfolgreich eingeführten Klimastabilisationsalge. Eine Meisterleistung und zugleich ein Stück Natur zum Niederknien!«

Mariyam verdreht die Augen. »Du willst doch nicht wirklich eine von diesen bescheuerten Algen ersteigern, oder? Die kostet mindestens so viel wie ein Segel-Weltreise auf der GRETA!«

»Doch! Ich habe zwanzig Jahre lang mein soziales Grundeinkommen gespart! Voll solar, oder?«

»Das ist nicht solar, sondern voll methan! Von den Credits kaufst du dir einen Porsche-Oldie! Wofür gibt‘s denn genug Syntho-Kraftstoff? Willst du das alles verkommen lassen? Deinetwegen stürzen wir noch in die nächste Eiszeit!«

Ehe sie anfangen, sich zu streiten, pilgern sie zum Büfett.

Endlich geht es auf der Bühne weiter.

Der Auktionator tritt unter begeistertem Applaus auf. Er war schon öfter in den Medien, doch Yanni hat seinen Namen vergessen. Nach einigem Geplänkel und einer launigen Begrüßung legt er los.

»Kommen wir zur Auktion der bemerkenswertesten Artefakte und Kuriositäten der vergangenen Katastrophenjahre! Als erstes steht zur Versteigerung dieser antike, bronzefarbene Luxus-SUV mit Doppel-Sportauspuffanlage, einem Gewicht von zehn Tonnen und einem Verbrauch von 22,2 Litern Super Plus auf 100 Kilometern. Es handelt sich um das Exemplar des Kunstwerks ›Föhnfrau‹ von Jamnia und Vladir Ludmani, ausgestellt erstmals im Februar 2023 in München.«

Neben dem Auktionator erscheint auf der Bühne eine maßstabsgerechte 3-D-Abbildung, die kaum merklich flimmert, als würde Regen durch sie laufen. Sie zeigt einen sich drehenden, scheinbar brennenden SUV auf dessen Fahrersitz eine ältere Dame sitzt. Auf ihrem Schoß liegt ein Baby. In einer Hand hält sie einen Föhn, in der anderen eine Pistole geformt aus fossilem Kohlenstoff, die sie dem Baby an die Stirn drückt.

Der Auktionator zeigt auf die alte Dame. »In seiner Drastik verweist das Werk auf die Jet-Streams, weswegen es den Beinamen »Jet-Stream-Lady« trägt. Das Künstlerpaar wollte bildhaft hinweisen auf diese Gefahr, der ein Angstobjekt fehlt. Startgebot: 1000 CO2-Credits!«

Dem SUV folgen die vom Wasser nahezu unkenntlichen gemachten Pläne eines terroristischen Anschlags der radikalen Gruppe »Future Fight«, der durch eine von mehreren Jahrhundert-Sturmfluten in Hamburg 2063 vereitelt worden ist.

Yanni rutscht unruhig auf dem Sitz hin und her, als der Anteil einer niedersächsischen »Eis«-Farm unter den Hammer kommt. Dort leben einige der letzten Exemplare, der vom Aussterben betroffenen Polartiere. Er hofft, dass nun endlich Kim an der Reihe ist, doch der Auktionator präsentiert stattdessen das Original-Drehbuch des satirischen Films »Zukunft war gestern – Apokalypse am Weltspartag«, das in einer Teamarbeit im Jahr 2022 von drei Autoren und einem Zeichner in Zusammenarbeit mit dem BMBF entstanden ist. Der im Jahr 2024 erschienene Film steht in der Tradition der Schwarzen Komödie und Meisterwerken wie »Don’t look up«. Ein echtes Stück deutscher Filmgeschichte.

Im Anschluss folgt eine Wohnung auf der 1965 geplanten und um 2035 gebauten, schwimmenden Inselstadt Exxon-Life, die eindrücklich bezeugt, wie lang die drohende Klimakatastrophe Exxon bereits bekannt war, und wie man sich dort bei gleichzeitiger Leugnung der Problematik in Ruhe darauf vorbereiten konnte.

Hervorgezerrt werden auch die frühen CO2-Besteuerungs- und Zertifikatshandelspläne des wissenschaftlichen Expertenrats der Bundesregierung, die stets mit der Aufforderung verbunden waren, an Härtefälle zu denken und Menschen mit schwachen Einkommen entsprechend zu entlasten, damit alle sich die Weltrettung leisten können.

Durch solche Falschdarstellungen wurde der Eindruck erweckt, Wissenschaftler und Aktivistinnen, die sich der Verantwortung stellten, seien weltfremde Träumer. Eine Darstellung, die beim Fortschreiten der Krise mit zu Radikalisierungen wie »Future Fight« führte. Wer zu Unrecht als asozial gebrandmarkt ist, und sich gefühlt in einem verlorenen Krieg befindet, hat nichts zu verlieren.

Dann endlich ist es soweit: Die Algen kommen!

Yanni hält es kaum mehr auf dem Sitz aus. Hinter ihm kichert jemand. Vermutlich, weil er so zappelt.

Da ist sie! Kim! Ein Stück Geschichte, das Schlimmeres verhindert hat.

Langsam lichtet sich der Wald aus Händen. Nur noch vereinzelte Meldungen treiben den Preis in die Höhe.

Yanni hebt zum ersten Mal den Arm.

»6000 Credits!«, ruft der Auktionator. »Wer bietet mehr?«

Und es geht weiter. Der Saal um Yanni dreht sich, ihm ist heiß.

7000.

8000.

9000.

»9500!«, ruft Yanni.

»9500! Wer will das toppen? 9500 zum …!«

Aus dem ausgebeulten Jackeninnern eines jungen Manns, der zwei Reihen näher an der Bühne sitzt, schält sich im Brustbereich ein Äffchen hervor. Das Äffchen hebt den Arm.

»Ist das eine Meldung?«, fragt der Auktionator.

»Ja!«, ruft der Mann. »Chimpo ist mein Medi-Assistent.«

»Verstehe. Also 10.000 CO2-Credits zum Ersten …!«

10.000, das ist beinah Yannis Obergrenze. Viel höher kann er nicht gehen.

»… zum Zweiten und …!«

Kim glänzt in ihrer Schale im Scheinwerferlicht.

Schnell reißt Yanni den Arm hoch. Er spürt Schweiß unter dem kompostierbaren Organic-Shirt.

»10.500 Credits zum Ersten, zum zweiten, und zum …«

Wieder hebt der verdammte Affe den haarigen Arm.

Yanni senkt den Kopf. Er ist am Ende seiner Möglichkeiten. Vielleicht stellen sie Kim ja wenigstens irgendwo aus, wo er das Plasma besuchen und einen »Intim-Moment« mit ihm bekommen kann.

»10.500 Credits zum Ersten, zum Zweiten, und …!«

Neben Yanni hebt Mariyam die Hand. Das Äffchen zieht sich beleidigt ins Jackeninnere zurück.

Es dauert zwei Sekunden bis Yanni merkt, dass sein Mund offen steht. Die Worte des Auktionators klingen leiser. »Warum?«

»Für dich natürlich! Ich hab’ auch was gespart. Wir legen zusammen.«

Da hebt eine Frau in der ersten Reihe den Arm. »42.000!«

Dieser Preis versenkt Yanni in ungeahnten Tiefen. Er ist in lautloser Stille unter Wasser ohne Atem-Automat und Pressluftflasche und sieht dem Absterben des Great-Barrier-Reefs im Zeitraffer zu. Nur sehr langsam taucht er wieder auf.

Mariyams Hand liegt auf seiner. »Gib nicht auf. In China haben sie auch so ein Plasma, das versteigert wird: Zǎolèi 1. Die Auktion startet in fünf Stunden. Wir können uns noch anmelden.«

Yanni wendet den Blick von Kim ab. »Ich glaube, wir nehmen doch lieber den Porsche.«

Quellenangaben zum »Faction«-Teil:

Klaus Kamphausen, Harald Lesch

»Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen.«

Penguin Verlag München, 2018

Frank Schätzing

»Was, wenn wir einfach die Welt retten?«

Kiepenheuer & Witsch, 2021

Mai Thi Nguyen-Kim

»Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit«

Droemer Verlag 2021

Daniel Kahneman

»Schnelles Denken, langsames Denken«

Penguin Verlag, Übersetzung aus dem Amerikanischen 2016, Erstveröffentlichung 2011